
Ute Klein Resonanzgeflecht #2, 2009 © Ute Klein
Wieviel Anonymität braucht man als Mensch? Und was bedeutet das ständige mediale beobachtet werden und selber beobachten für unser Dasein? Fragen, die sich in der heutigen Zeit wahrscheinlich jeder schon mal gestellt hat.
Im Rahmen der Austellung FACELESS im freiraum quartier 21 in Wien, versuchen internationale Künstler, dem Phänomen der unausweichlichen Wiedererkennbarkeit in den Medien und den daraus resultierenden Strategien der MedienbenutzerInnen gleichsam „gesichtslos“ zu werden, nachzugehen und diese kritisch zu hinterfragen.
Die Ausstellung FACELESS widmet sich auf radikale Weise diesem recht neuen Thema medialer Alltagskultur und zeigt, wie es in bildender Kunst, Mode, Fotografie, Werbung und Tanz aufgegriffen wird. Zu sehen sind u.a. Werke von Marina Abramović, Thorsten Brinkmann, Peter William Holden, Maison Martin Margiela sowie Projekte unbekannter NetzbewohnerInnen. Eröffnung: Mittwoch- 03.07.2013
Die höchst unterschiedlichen Strategien und Methoden, um Gesichter im Netz „verschwinden“ zu lassen, können als eine ironische, zornige und berechtigte Kritik an unserer Medienwirklichkeit gelesen werden. Gesichter verschwinden zwar nicht, doch werden sie bis zur Unkenntlichkeit manipuliert, ja mitunter entstellt. Der Künstler Bogomir Doringer, in Zusammenarbeit mit Brigitte Felderer von der Universität für angewandte Kunst Wien, kuratiert die zweiteilige Ausstellung, FACELESS. Teil1 ist von 04.Juli bis 1. September 2013 zu sehen.
„Viele der im Netz auftauchenden Gesichter sind vertraut und bekannt, man erkennt sie wieder, verbindet mit ihnen Biographien, Skandale, Geschichten und mag den Eindruck gewinnen, Einblick in eine Persönlichkeit zu erhalten, gar ein ganzes Leben mitzuverfolgen. Doch letztendlich spiegeln die dargebotenen Physiognomien nur die eigenen persönlichen Vorstellungen von Glück, Anerkennung, Aufmerksamkeit oder Erfolg wider“, so Brigitte Felderer.
„FACELESS greift kritisch Probleme unserer medialen Kultur auf und zeigt den unterschiedlichen Zugang der verschiedenen KünstlerInnen. Auf Grund der Komplexität des Themas wird die Ausstellung in zwei Teilen gezeigt, eine Novität in der Geschichte des freiraum quartier21 INTERNATIONAL“, so Dr. Christian Strasser, Direktor MuseumsQuartier Wien.
Nach den Ereignissen von 9/11 und als Reaktion auf die Angst vor Terroranschlägen wurden Ebenen der Transparenz und Kontrolle in Bereichen hingenommen, wo sie zuvor undenkbar gewesen wären. Das hat zur Änderung von Sicherheitskonzepten wie zur Ausweitung von Überwachungssystemen geführt. Soziale Netzwerke, die oftmals gegen die Privatsphäre verstoßen aber ihren UserInnen dafür Popularität verheißen, sind so zur Normalität geworden. Viele KünstlerInnen beschäftigen sich kritisch mit diesem Thema und verwenden „verdeckte Gesichter“ als Möglichkeiten, ein nicht-beobachtetes Dasein zu führen.
Der Künstler Thorsten Brinkmann präsentiert beispielsweise Selbstdarstellungen, die in Farbe, Pose und Anordnung an klassische Porträtmalerei erinnern. Doch treten gebrauchte Alltagsgegenstände und gefundene Objekte aus dem Sperrmüll an die Stelle seiner Gesichtszüge.
Die Masken und Kopfbedeckungen von Modelabels wie Maison Martin Margiela, Viktor & Rolf oder Bernhard Willhelm legen nahe, dass die Gesichter der Models für die Präsentation der Kollektionen überflüssig geworden sind.
Eine „public persona“ wie Marina Abramović versucht hingegen, ihren hohen Wiedererkennungswert in fotografischen Selbstporträts zu relativieren. Frank Schallmaier verwendet wiederum für seine Collagen Fotografien, die er in sozialen Netzwerken und Online-Partnerbörsen für Homosexuelle findet: sie zeigen Personen, die sich wohl zeigen, aber dabei ihr Gesicht verbergen und bei allem Versprechen anonym bleiben. Hester Scheurwater thematisiert in ihren Fotoarbeiten die mediale Repräsentation von Frauen als Objekte von Begierde. In Ute Kleins Fotografien verschmelzen die Körper von Liebenden zu temporären und gesichtslosen Skulpturen. Nienke Klunder parodiert in ihren Selbstporträts die banale Omnipräsenz erotischer Bilder während Peter William Holden in seiner Installation nur noch einzelne Körperteile zum Tanzen bringt.
Im Rahmenprogramm zur Ausstellung wird es spezielle Veranstaltungen, Artist Talks, Workshops für Kinder und Jugendliche sowie Podiumsdiskussionen geben. Bereits am Eröffnungsabend sind die BesucherInnen Teil der partizipativen Performance „Anonymity“ von Addie Wagenknecht und Stefan Hechenberger, die sich spielerisch mit Kritik an dem Überwachungsstaat auseinandersetzt: an die BesucherInnen werden schwarze Brillen ausgeteilt, die an Zensurbalken erinnern, Bilder von den Überwachungskameras machen die Beobachteten zu Beobachtern. „Anonymity“ wurde von Addie Wagenknecht und Stefan Hechenberger in New York entwickelt und für die Eröffnung der Ausstellung FACELESS adaptiert. Die Künstler sind Artists-in-Residence der Initiative Artistic Bokeh im Rahmen von „Artistic Technology Research“ der Universität für angewandte Kunst Wien.
FACELESS – Teil1
Dauer: 04.07. bis 01.09., Di bis So 13-19h, Eintritt frei
Eröffnung: 03.07.2013, 19h
Ort: freiraum quartier21 INTERNATIONAL/MuseumsQuartier Wien
www.quartier21.at
KünstlerInnen (Auswahl):
Marina Abramović (RS/US), Martin Backes (DE), Thorsten Brinkmann (DE), Asger Carlsen (DK/US), Paul DeFlorian (AT/DE), D+M (Dora Budor & Maja Cule) (CR/US), Caron Geary (UK), Harem Royal (RS), David Haines (UK/NL), Stefan Hechenberger (AT), Sabi van Hemert (NL), Peter William Holden (UK/DE), Ute Klein (DE), Nienke Klunder (UK), Zachari Logan (CA), Maison Martin Margiela (BE), Ismaël Moumin (BE), Ana Rajcevic (RS/UK), Mustafa Sabbagh (IT), Daniel Sannwald (DE), Frank Schallmaier (NL), Hester Scheurwater (NL), Levi van Veluw (NL), Viktor & Rolf (NL), Anne de Vries (NL), Addie Wagenknecht (US), Bernhard Willhelm (DE), WOODKID (FR). Einige der KünstlerInnen werden ihre Arbeiten als Artists-in-Residence im MuseumsQuartier vorbereiten.
FACELESS wird in Kooperation mit dem Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten, der Botschaft des Königreichs der Niederlande und dem Bund Europäischer Föderalisten (JEF/BEF) organisiert.